BIOGARTEN VOR ORT BEI NEUHLAND E.V.


neuhland_EingangEine herzliche Einladung von Herrn Witte, dem Geschäftsführer von neuhland e.V., erreicht BIOGARTEN. Ob wir uns ansehen wollen, was mit der großen Spendenaktion alles umgesetzt werden konnte. Wie gerne folgen wir dieser Einladung – erinnern wir uns an das glückliche Leuchten bei der Überreichung des Schecks auf der demeter Marketingtagung. Der paritätische Wohlfahrtsverband nimmt diese Aktion sogar in das Vorwort seines Jahresberichtes auf.

Ich bin also für BIOGARTEN auf dem Weg zu der neuen Krisenwohnung, irgendwo in Berlin – es könnte überall sein. Weder Name noch Ort dürfen genannt werden. Die Kinder, die hier Schutz finden, sind geschlagen, vergewaltigt, traumatisiert worden und haben unsägliches Leid erlebt. Bei neuhland e.V. haben die Kinder und Jugendlichen allerhöchsten Schutz – keine Bilder, keine Namen, nichts, was auf ihre Identität oder den Schutzort hinweist, darf veröffentlicht werden.

Auf meinem Weg erinnere ich mich noch an meinen ersten Besuch in der ehemaligen Krisenwohnung – es war ein altes marodes Gebäude. Alles ging irgendwo schon kaputt, das Bad war völlig heruntergekommen. Mit viel Liebe und Geduld war das Haus dennoch, soweit möglich, gemütlich eingerichtet, die Wände farbig bemalt. Als Weihnachten dann aber noch die Wasserrohre brachen und die Kinder mitten im Haus quasi im Regen saßen, war klar, dass es so nicht weiter gehen konnte.

Jetzt war ich also auf dem Weg zu der neuen Wohnung. Der Umzug, Renovierung und Einrichtung wurden von Biogarten finanziert. Ich werde herzlichst und mit offenen Armen willkommen geheißen. Ein schönes, helles Wohnhaus empfängt mich. Offene Augen der Kinder und Jugendlichen begrüßen mich. Augen, die mehr gesehen und erlebt haben als ich erahnen kann. Erlebnisse, die sich nicht durch Worte vermitteln lassen. Mein Atem stockt mehr als nur einmal während der nächsten zwei Stunden. Diese Kinder kommen aus allen sozialen Schichten. Sie schauen mich an. Sie haben Vergewaltigung, Prügel, seelische und körperliche Gewalt erlebt – in ihren eigenen Familien. Ohne eine Möglichkeit zu fliehen, immer wiederkehrend. Zum Teil mit Krankenhausaufenthalten. Ich gestehe, ich kann dieses Leid nicht fassen.

Dies ist eine Insel – eine Insel, die geschützt ist.

Nach ihren Erlebnissen Leben wieder aufzunehmen, aufrecht und offen Menschen zu begegnen – ich fühle Bewunderung für diese jungen Menschen und … tiefen Respekt. Ein junges Mädchen fragt mich, ob ich ihr Zimmer sehen möchte. Ich darf es aber nicht betreten, sagt sie. Klare Grenze! Es ist ein schönes, gemütlich eingerichtetes Zimmer, einige persönliche Dinge geben diesem Raum ihren eigenen Charme. Ich fühle mich geehrt und bin dankbar. Hier ist es hell, frisch renoviert, neue Betten und Schränke stehen in den gemütlichen Zimmern. Ein jüngeres Kind springt fröhlich um mich herum, zeigt mir Wohnraum, Küche und sein kleines Reich. Wieder in der Küche angekommen, fragt es mich, ob ich der Möbelspender sei. Alle lachen. Ich erzähle von BIOGARTEN und seinen Partnern. „Wie groß ist Rosi?“, fragt das Kind neugierig. Gemeint ist Rosi Weber, die das Engagement ins Leben rief. Die Frage scheint wichtig zu sein. Ich deute mit einer Hand an, wie groß sie ungefähr ist. „Ahhh! Gut!“ Die kindliche Neugier ist gestillt – die Unterstützung aber menschlicher, greifbarer geworden. Mein Handy klingelt, findet somit schnell das Interesse einiger Kinder. Wie viel Megapixel das Gerät hätte. Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung. Technisch versiert wird mein Handy untersucht. Bei der Fotofunktion ist allen klar: keine Fotos von Menschen. Bei aller scheinbar fast familiären Normalität, die im Umgang der Kinder und des unterstützenden Teams miteinander aufblüht, zeigt sich immer wieder: dies ist eine Insel – eine Insel, die geschützt ist.

Ein liebevoll gedeckter Tisch erwartet mich als nächstes. Ein duftender Blumenstrauß und eine wundervolle, selbstgebastelte Karte stehen auf dem Tisch. Ich erfahre von einem der Mädchen, dass sie die Ränder der Karte selbst kunstvoll verziert hat. Alle Kinder der Wohngemeinschaft haben unterschrieben, zum Teil mit Zeichnungen geschmückt. Einige Kinder haben mit einem Codenamen unterschrieben – um nicht ihren richtigen Namen zu nennen. Äußerlich bin ich gefasst, innerlich bin ich tief berührt, aufgewühlt und kämpfe mit meinen Gefühlen. Ich wünschte, alle, die sich an diesem Engagement beteiligt haben, könnten die Kinder sehen. Die Wohngemeinschaft ist nur möglich, weil ein sehr engagiertes Team dies ermöglicht. Die Leiterin der WG hat mit viel Know-how und einem guten Gespür diese Räume gefunden. Gemeinsam bewerkstelligten alle den Umzug. Ein professionelles und qualifiziertes Team unterstützt und begleitet – 24 Stunden ist immer jemand für die Kinder und Jugendlichen da. Sie leisten schier Übermenschliches.

Die Verabschiedung von den Kindern und dem Team ist tief berührend. Ich ghe mit vollem Herzen, fühle mich als der Beschenkte und nicht so sehr als der Geschenküberbringende. Dank gebührt allen, die dieses Engagement möglich gemacht haben und möglich machen.